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SWORN VIRGIN – BURRNESHA

Betohem se prej sot e tutje, burrë kam me u ba me rrnu si burrë, e me dekë si burrë.

Ich schwöre dass ich ab heute ein Mann sein werde: Leben wie ein Mann. Sterben wie ein Mann.

TEASER

Albana: “Wenn du Kinder bekommen könntest, was hättest du lieber, einen Jungen oder ein Mädchen?”

Drande: “Damals natürlich einen Sohn, heute hätte ich lieber ein Mädchen.”

STÜCK

Eine Burrnesha ist eine Frau, die unter völligem Verzicht auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder die Rolle eines Mannes übernimmt. Ein bitterer Tauschhandel für Freiheit und Respekt, für Rauchen, Trinken, Erben. Bis heute leben sie vor allem im Norden Albaniens, wo das archaische Gewohnheitsrecht des Kanuns das Leben mitbestimmt.

In SWORN VIRGIN reist eine Burrnesha auf Einladung einer Drag Queen, die mit einer hochambitionierten Queerperformance die Bühne revolutionieren möchte, nach London. Dort findet sie sich in unserer westlichen Welt wieder, in der man scheinbar tun und sein kann, wer und was man will. Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur beginnt vielversprechend, bekommt aber zusehends Risse: Der Erfolg ist das wichtigste, darunter wird alles andere zweitrangig. Hauptsache, das Publikum ist erschüttert. Die Burrnesha oszilliert am Ende in diesem Spannungsfeld und muss am eigenen Leibe spüren, wie ihre Berührung mit der fremden Kultur existenziell wird.

Im November 2016 reiste Schauspielerin Albana Agaj nach Albanien und interviewte dort Drande, eine Burrnesha. Daraus, und aus den intensiven Recherchen Jeton Nezirajs zum Thema, ist der Plot zu Sworn Virgin – Burrnesha entstanden.

Nach Kosovo for Dummies ist das die zweite gemeinsame Stückentwicklung des kosovarischen Autors Jeton Neziraj mit Forever Productions.

BESETZUNG

Idee & Konzept: Forever Productions – Stücktext: Jeton Neziraj – Regie: Johannes Mager – Spiel: Albana Agaj, Gunther Kaindl, Johanna Dähler – Live-Video: Marisa von Weissenfluh – Szenografie: Hugo Ryser & Optickle – Musikalische Komposition: Dominik Blumer – Lichtdesign: Lorenz Gurtner – Produktionsleitung: Annette von

Goumoëns – Produktion: Forever Production – Koproduktion: Schlachthaus Theater Bern, Theater Winkelwiese Zürich, Kleintheater Luzern, Kellertheater Winterthur.

VORSTELLUNGEN

Schlachthaus Theater Bern 

Uraufführung & Premiere: 1. Mai 2018, 19h00

Weitere Vorstellungen: 3. / 4. / 5. Mai 2018, jeweils 20h30 plus 8. Mai 2018, 19h00

Infos & Tickets: www.schlachthaus.ch

 

Kleintheater Luzern

Vorstellungen: 14. / 16. / 17. November 2018, jeweils 20h00

Infos & Tickets: www.kleintheater.ch

 

Kellertheater Winterthur

Vorstellungen: 23. / 24. / 25. / 28. / 30. November 2018, jeweils 20h00

Infos & Tickets: www.kellertheater-winterthur.ch

 

Theater Winkelwiese Zürich

Vorstellungen: 7. / 9. / 14. / 15. und 16. März 2019, jeweils 20h00

Infos & Tickets: www.winkelwiese.ch

 

Mit freundlicher Unterstützung von Stadt Bern, Kanton Bern, Burgergemeinde Bern, Migros kulturprozent, Ernst Göhner Stiftung, Stanley Thomas Johnson Stiftung, Jürg George Bürki Stiftung, Schweizerische Interpretenstiftung

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Foto © Pepa Hristova

AUSGANGSLAGE

In ihrem letzten Stück KOSOVO FOR DUMMIES, das am 10. September 2015 im Schlachthaus Theater Bern zur Uraufführung kam, seither über 20 mal  in über 5 verschiedene Länder gezeigt worden ist und nach wie vor gespielt wird, liessen sie jene zu Wort kommen, die im Konflikt zwischen den Kulturen keine Stimme haben. War es bei KOSOVO FOR DUMMIES eine Immigrantin, die für ein Leben mit einer besseren Zukunft aus dem Kosovo in die Schweiz geflüchtet ist, der Forever Productions das Wort gab, wird bei SWORN VIRGIN eine Burrnesha (auf Deutsch Mannsweib) zu Wort kommen, die ebenfalls ihre Heimat verlassen hat, jedoch aus weit diffuseren Gründen.

Somit stellen Forever Productions in ihrem neuen Stück ein Phänomen ins Zentrum des Geschehens, das auf den ersten Blick weit weg von unserer westeuropäischen Kultur zu sein scheint. Auf den zweiten Blick könnten wir aber eines Besseren belehrt werden. Die Burrneshas sind keinesfalls ein ausschliesslich albanisches Phänomen. Es gibt sie auch bei uns, nur sind sie kulturell anders bedingt und leben somit eine äussere aber auch innere Identität, die mit jener der Burrneshas nicht mehr viel gemein zu haben scheint.

In SWORN VIRGIN spielen die kulturell bedingten Unterschiede eine Rolle aber auch die Sichtweise des Westens auf fremde Kulturen und scheinbar fremde Lebensentwürfe. Es ist hierbei zweitrangig, um welche Länder es sich handelt. Denn es geht um etwas zu tiefst im Menschen Angelegtes, das nur durch Zufall in der einen oder anderen Kultur zum Vorschein kommt.

PLOT

Frau Durham, eine gut situierte Engländerin und Bloggerin befindet sich auf einer Recherchereise in Albanien wo sie versucht, die Geschlechterrollen vor dem Hintergrund kultureller Bedingungen zu untersuchen. Dabei begegnet sie einer jungen Burrnesha, die in einem albanischen Bergdorf lebt und dort in der Gemeinschaft die Funktion eines Mannes ausübt. Als Bloggerin verlinkt sich Frau Durham mittels Trackbacks mit anderen Blogs. Während sie gerade am Verfassen eines neuen Blog-Eintrages ist, meldet sich Julian Eood zu Wort. Julian Eood ist Transmensch und ein ambitionierter, aufstrebender Theaterregisseur, der sich auf der Suche nach geeigneten DarstellerInnen für eine “Queerperformance” befindet, mit der er die Londoner Bühnen revolutionieren möchte. Er ist fasziniert von dem, was er aus Frau Durhams Blog vernommen hat und will die Burrnesha unbedingt für sein Stück verpflichten. Er bittet Frau Durham, der Burrnesha die Botschaft zu überbringen, dass er sie gerne für sein neues Projekt engagieren möchte.

Die Burrnesha nimmt das Angebot an. In London angekommen, beginnt für die Burrnesha und Julian Eood eine vielversprechende Zusammenarbeit, die aber, je näher die Premiere rückt, zusehends Risse bekommt. Denn Julian Eood überhöht die Geschichte der Burrnesha zu Gunsten des dramaturgischen Plots so hemmungslos, dass sie am Ende nichts mehr mit der Realität zu tun zu haben scheint. “Das Publikum soll mit dem gefüttert werden, nach was es hungert.” Wenn sich die “wahre” Realität als zu plump erweist, diesem ungeschriebenen Publikumsgesetz zu gehorchen, muss sie halt einer “fingierten” Realität weichen. Hauptsache, das Publikum ist über alle Massen erschüttert.

An der Premiere kommt es schliesslich zum Eklat.

BURRNESHA

Wenn man die Bezeichnung Burrnesha auf Google eingibt, meldet sich an zweiter Stelle Wikipedia zu Wort und zwar mit Folgendem:

 

Als eingeschworene Jungfrau (oft auch geschworene Jungfrau, Schwurjungfrau oder albanische Mannfrau; albanisch  burrnesha oder virgjinesha; Englisch  Sworn virgin) wird auf dem Balkan eine Frau bezeichnet, die in ihrer Familie und in der Gesellschaft die Rolle eines Mannes übernimmt und dabei völlig auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder verzichtet. Die Frau legt vor den Ältesten der Gemeinde oder des Stammes einen Schwur ab und wird fortan als Mann behandelt. Sie trägt Männerkleidung und Waffen und kann die Position des Familienoberhaupts übernehmen. Hauptursachen für dieses Verhalten sind die Vermeidung einer ungewollten Ehe oder das Fehlen eines männlichen Familienoberhaupts.

Die Burrneshas sind ein albanisches Phänomen, leben sehr zurückgezogen und suchen den Dialog mit anderen Kulturen kaum. In der Konfrontation mit dem Phänomen der Burrneshas verbirgt sich jedoch ein Konflikt, der in den letzten Jahren mehr und mehr in die Öffentlichkeit gezerrt worden und mittlerweile zu einem weltumspannenden und hochbrisanten gesellschaftlichen Thema mutiert ist, bei dem interkulturelle Bedingtheiten durchaus eine grosse Rolle spielen. Es ist der Konflikt der Geschlechter. Ein eigentlich uralter Konflikt, den es gibt seit Adam und Eva der Welt ihre beiden Geschlechter vorgestellt haben.

Bis heute leben sie vor allem im Norden Albaniens, wo das archaische Gewohnheitsrecht des Kanuns das Leben mitbestimmt.

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Burrnesha Drande mit Albana, vor ihrem Orangenbaum. Dez 2016.